Witzweg

Witzweg
Beginn und Ende ist der Busparkplatz. Auch geeignet für Gehbehinderte und Familien, deren jüngstes Mitglied noch im Kinderwagen chauffiert werden muss. Benötigte Zeit ca. 20 min. Auch im Winter ist der Witzweg ein Erlebnis. Der Weg wird immer geräumt und ist so das ganze Jahr offen.

Schön am Schatten
"Herzlichen Glückwunsch!"  schreibt der frischgebackene Vater seinen Eltern. "Ihr seid soeben Babysitter geworden."
Julia und Silvan bleiben morgens lange in Ihren Betten liegen. Plötztlich flüstert Julia: "Wenn Mama uns nicht bald weckt, kommen wir zu spät in die Schule."
Witzweg

Die Schweiz Aus der Frankfurter Allgemeine Zeitung
Wie der Blitz von Witz zu Witz oder Lachen lernen auf Schweizer Art.

Von Oliver Maria Schmitt
01. Juni 2005
Freundlich und freudig, aber noch nicht verwegen witzig werden wir begrüßt: "Schön, daß Sie den Weg auf die Hulftegg gefunden haben!" jubelt ein Schild im Wald. Doch wer begrüßt uns da? Und wo sind wir überhaupt? Im Schilderwald? In der Schweiz? Oder ist das Ganze ein Witz?

Alles ist richtig, und wir müssen ja nur weiterlesen. "Der Waldweg und Witzweg haben wir 2002 vom Gasthaus Hulftegg für unsere Gäste gebaut", heißt es in recht eigenwilliger Diktion, aber daß in der polyglotten Schweiz das Hochdeutsche mitunter als Fremdsprache gehandelt wird, davon hörte man schon.
Was spricht gegen eine helvetische Lachkultur?
Und warum sind wir überhaupt hier? "Daß Sie etwas erleben und es lustig haben!" Aha. Wir befinden uns nämlich - und haben den Sinn des spaßigen Schilderwaldes auf dem 954 Meter hohen Hulftegg-Paß im "Drei-Kantoneegg" zwischen den Schweizer Bundesländern Thurgau, Zürich und St. Gallen mittlerweile verstanden - auf dem in Lach- und Fachkreisen bereits legendären "Witz-Spazierrundweg".

Für uns notorisch verbiesterte und humorlose Deutsche natürlich eine echte Herausforderung. Für die Schweiz aber auch. Werden wir nun gleich in die höchsten Höhen helvetischer Lachkultur vorstoßen? Immerhin leistet sich die Schweiz mit dem "Nebelspalter" die älteste durchgängig erscheinende Satirezeitschrift der Welt; und manche behaupten, die darin präsentierten Witze stammten noch aus dem Gründungsjahr 1875.
Jedes Jahr neue Witze
Werden uns also neue, nie belachte Witze auf dem übersichtlichen Humor-Parcours erwarten? "Jedes Jahr neue Witze!" versichert selbstbewußt das Schild. Also los, die Sonne scheint, das Zwerchfell ist zum Zerreißen gespannt.

Weit geht der Blick ins Toggenburger Land. Noch vor dem ersten Witz begrüßt uns ein lustiger großer Holzbär und weist darauf hin, daß der Witzweg zur weiteren Steigerung des Amüsemangs mit "Kunsttieren" ausgestattet sei. Sodann passieren wir ein riesiges Kruzifix mit einem eher leidenden als lachenden Menschensohn dran. Das kann ja heiter werden. Eine Infotafel teilt mit, daß das Trumm mal bei Dreharbeiten für einen Pilgerfilm Verwendung fand: "Da dieses Kreuz nicht mehr benötigt wurde, schenkte das Fernsehen DRS es der Familie Ruoss." Welche das nahe gelegene Paß-Gasthaus Hulftegg seit 1943 betreibt, diesen Witzweg schuf und ansonsten dem Reisenden rät: "Genießen Sie super angenehme Stunden auf der Hulftegg bei feinem Essen."

Wir denken indes nicht ans Laben, sondern ans Lachen. Endlich der erste Witz: "Hans zu seiner Frau: ,Wieviel Grad haben wir in unserer Stube?' - ,Zwanzig.' - ,Und wieviel Grad hat es draußen?' - ,Fünf.' - ,Dann öffne bitte das Fenster, und laß die fünf Grad auch noch herein, mir ist nämlich kalt.'" Eindeutig ein Kalter, aber wir sind heiteren Gemüts und kichern uns schon mal warm. Es kann nur besser werden.
So? "Herr Senn zu seinem Nachbarn: ,Also 's isch scho furchtbar mit de Umweltverschmutzig! Geschter han ich e Dose Sardine kauft - voller Oel und alli Fisch tot." Ein absoluter Kracher. In Deutschland vielleicht schon ausgestorben, hier aber, im volkstümlichen Idiom, noch quicklebendig. Geht runter wie Öl.
So gackern und grölen wir uns von Schild zu Schild, von Witz zu Witz. Erleichtert stellen wir fest, daß auch die Klassiker vertreten sind: ",Kellner, hier ist eine Fliege in der Suppe!' - ,Nicht so laut - sonst wollen alle eine!'" Ein Riesenbrüller. Und während wir uns noch wegschmeißen vor Lachen, lobt uns vorsorglich schon eine weitere Tafel: "Wir finden es super, daß Sie unser Restaurant besuchen." Wir auch, aber woher weiß denn Familie Ruoss schon jetzt davon?
Schwerer Lachmuskelkater
Keine Zeit zum Nachdenken, ein Blondinenwitz, ein Arztwitz und ein weiterer Kellnerwitz zehren an unseren Kräften. Bitte nicht weiterwitzeln, wir können nicht mehr! Mit schwerstem Lachmuskelkater und ausgeleiertem Zwerchfell kreischen wir uns in die Zielgerade. Aber da! Ein neuer Angriff. ",Witzkafi' - das ist kein Witz", droht plötzlich die oberste Lachleitung des Familienbetriebes, "den servieren wir Ihnen gerne im Panorama-Restaurant." Jaja, wir kommen ja gleich. Es ist nun eh genug der Witzereißerei. Kurz vor dem Ziel gibt uns Familie Ruoss den Rest, den Megakracher, den Todesstoß: ",Het dini Mutter dir no nie d'Levite glese?' - ,Nei, immer nur Grimm-Märli.'"
Ächz! Wir sind am Ende, alle, ausgelaugt. Und dann auch noch jedes Jahr neue Witze! Wie groß sind die Pointenvorräte der Familie Ruoss? Riesengruoss? Haben sie Massenverwitzungswaffen? O Gottchen, wir fangen schon selbst das Kalauern an. Hilfe! Nichts wie weg vom Witzeweg!
Der Hulfteggpass-Witzspazierrundweg ist ganzjährig begehbar und liegt direkt auf dem Hulfteggpaß zwischen Steg und Mühlrüti
Selbstversuch: Max macht den WitzwegStatt über Stock und Stein gehts von Pointe zu Pointe. Denn das Wandern ist des Müllers lustig von Max Küng

Die Hulftegg ist ein Pass von nicht zu hoher Höhe (953 Meter) und verbindet das Toggenburg mit dem Tösstal. Auf der Hulftegg steht ein Restaurant, wo Ausflügler gern Rast machen, Wanderer, Gümmeler und Töfffahrer (es hat 54 Töffparkplätze vor dem Restaurant). Ab acht Uhr morgens gibt es Pangasiusfilet im Bierteig mit Sauce tartare und für acht Franken einen Witz-Kaffee «mit Spezialschnaps und Schlagrahm». Der Witz-Kaffee steht nicht zufällig auf der Karte, denn hier oben auf der Hulftegg, hier sind die Witze zu Hause. Nun ja, wenigstens ein paar von ihnen.
Vom Parkplatz der Beiz führt ein Pfad am Waldrand entlang. Das ist der Witzweg. Er ist nicht besonders lang. Genau 267 Schritte sind es vom Anfang bis zum Ende. 44 Tafeln stehen am Wegesrand, von Holzlatten gestützt. Darauf: Witze, frisch aus dem Computerdrucker.
«Ein Mann fängt Fliegen. Fragt ihn seine Frau: ‹Wie viele hast du jetzt gefangen?› – ‹Fünf! Drei Männchen, zwei Weibchen.› –‹Woher weisst du denn das?› – ‹Drei sassen auf dem Bierglas, zwei auf dem Telefon.›»
Drei Schritte weiter: «Liebling, ich gehe zum Frühschoppen. Wenn ich bis Mittag nicht da bin, brauchst du mit dem Abendessen nicht zu warten!»
Drei Schritte weiter: «‹Müller, warum kommen Sie erst jetzt zur Arbeit?› – ‹Weil Sie gestern gesagt haben, ich solle meine Zeitung gefälligst zu Hause lesen.›»
Warum es den Witzweg gibt, das steht auf einer der Tafeln: «Den Waldweg und Witzweg haben wir 2002 vom Gasthaus Hulftegg für unsere Gäste gebaut. Dass sie etwas erleben und es lustig haben. Jedes Jahr neue Witze.»
Der letzte Witz des Rundweges geht so: «‹Oh, verzeihen Sie, da hätt ich mich doch beinahe auf Ihre Brille gesetzt.› –‹Halb so schlimm, die hat schon ganz andere Sachen gesehen.›»
Ha.
Haha.
Hahaha.
Und während man sich noch schüttelt vor Lachen, oder auch nicht, kommt man am Ende des witzigen Weges an einem Jesus vorbei, der am Kreuz hängt und auf den Parkplatz blickt. Ein grosser Bär steht auch dort, mit blauen Latzhosen, grob in einen Stammstummel gesägt oder gehackt, und hebt seine linke Tatze linkisch zum Gruss oder zum Abschied: Witz komm raus, du bist umwandert. Respektive: umspaziert.
So weit der Witzwanderweg. Aber wenn man schon einmal hier oben ist, dann zieht man am besten noch seine Wanderschuhe an, schultert einen leichten Rucksack und biegt auf einen südostwärts führenden Weg ein. Bald hat einen der Wald verschluckt mit seiner betäubenden Stille und milden Kühle, bald geht man auf den Rücken der zwergigen Berge und blickt hinunter in die Tobel, schreitet über die Wurzelwerke vorbei an satten, saftigen, von geschäftigen Fluginsekten gut besuchten Wiesen den nicht zu strengen Weg empor auf das Schnebelhorn, mit 1292 Metern die höchste Erhebung des Kantons Zürich, von wo der Blick rundherum geht, weit, weit, weit.
Von der Hulftegg sind es zwei Stunden hier hoch. Das sagt der Wanderwegweiser. Aber Wanderwegweiser sind gemütliche Dinge. Ich benötigte für die Strecke eine Stunde, 21 Minuten und 15 Sekunden, ohne allzu sehr auf das Tempo zu drücken. Am Ende kamen fünf Blasen dazu, weil ich natürlich die falschen Socken an den Füssen hatte. Aber die Blasen, die nahm ich gerne hin.
Am Ende des Tages notierte ich in mein Notizbuch: «Der Weg ist absolut witzfrei. Er ist wunderschön.»